Springe zum Inhalt

Und sie bewegen sich doch

Es tut sich etwas in Sachen Verkehrsberuhigung für die von übermäßigem Lärm geplagten Anwohner der Büdinger Altstadt. Nach der CDU haben jetzt auch die Freien Wähler das Thema aufgegriffen und fordern an Wochenenden eine Verkehrsberuhigung. Nach Vorstellung der FWG soll nur noch Anliegerverkehr zugelassen sein.

Sehr löblicher Ansatz doch leider absolut wirkungslos. Warum das? Ein kleiner Blick in die einschlägigen Rechtsvorschriften klärt auf. Dazu ein Zitat aus Rechtslexikon.net:

Ist eine Strasse durch ein Verbotszeichen für den Fahrzeugverkehr gesperrt, unter dem Verkehrszeichen jedoch vermerkt "Anlieger frei" ("ausgenommen Anlieger”), darf diese Strasse mit Fahrzeugen benutzt werden von:
a) Personen, die in der gesperrten Strasse wohnen,
b) Besuchern, Lieferanten, Kunden der Anlieger,
c) Personen, die eine in der gesperrten Strasse liegende Baustelle zur Besichtigung, Überwachung, Rücksprache mit Bauunternehmern, untersuchen wollen,
d) Personen, die nur über die gesperrte Strasse zu ihrem Grundstück oder zu ihrer Wohnung gelangen können,
e) Personen, denen der verfügungsberechtigte Grundstückseigentümer den Besuch seines Anwesens allgemein oder im Einzelfall ausdrücklich oder stillschweigend gestattet hat (BGH in Neue Juristische Wochenschrift).

Die Ausnahme nach Punkt B reicht völlig aus um die Verkehrsberuhigung über den Umweg "Anliegerverkehr" auszuhebeln. Essen in einem der Lokale in der Altstadt holen oder einfach nur ein Bier trinken gehen wollen reicht völlig aus um eine Einfahrt zu erlauben. Punkt E ginge auch, der Verkehrsteilnehmer muss nur erklären er will irgendwo in der Altstadt jemanden besuchen. Vor allem- wer will das kontrollieren? Zugangskontrollen an der Einfahrt Mühltor, Untertor und Obertor?

Sehr viel weiter geht der Vorschlag der Grünen, die eine Komplettsperrung der Altstadt von Samstag 14:00 bis Sonntag 18:00 Uhr ins Gespräch bringen.

Das halte ich für eine pragmatischere Regelung als die der zu viele Ausnahmen erlaubende Anliegerregelung. Nur geht sie mir nicht weit genug. Ich würde die komplette Altstadt von Freitag 19:00 Uhr bis Sonntag 19:00 Uhr zur Fußgängerzone erklären. Einfahrt in die Fußgängerzonen wie überall in Deutschland üblich nur für Lieferverkehr und Anwohner mit entsprechenden Ausweisen.

Der Altstadtparkplatz könnte für diesen Zeitraum zur zeitlich begrenzten Parkzone (Parkdauer 2 Stunden) ausschließlich für Besucher und der Schlossplatz zu einem für Anwohner erklärt werden. Damit wären einige Probleme der nervigen Lärmbelastung gelöst. Und so groß ist die Altstadt nicht, als dass Fußwege von fünf bis sieben Minuten nicht zumutbar wären.

Nur wird diese einfache kostengünstige Lösung in Büdingen sicher nicht umgesetzt, hier stehen zumindest meiner Ansicht nach zu viele wirtschaftliche Einzelinteressen im Raum. "Wie sollen unsere Gäste zu uns kommen, wenn sie mit dem Auto nicht direkt auf dem Bürgersteig vor unserem Laden parken können?" wird wohl eines der oft zu hörenden Scheinargumente gegen die Lösung mit einer Fußgängerzone sein. Die betroffenen Geschäftsinhaber werden es so zwar nicht direkt sagen, doch muss man sich nur ansehen welche Autos an Wochenenden wo stehen. Zugeparkte Gehwege von Marktplatz bis zur Bleffe sind die Regel und angesichts der Irren, die in der Altstadt ihre allabendlichen Beschleunigungsrennen austragen eine für Fußgänger höchst gefährliche und viel zu wenig geahndete Unsitte.

Dennoch bleibt die Frage wie es andere Städte in ähnlicher Lage schafften ihre historischen Stadtkerne verkehrstechnisch zu beruhigen und dennoch attraktiv zu gestalten. Wie bekamen sie es hin einerseits den Verkehr draußen und dennoch ein attraktives Angebot für Einheimische und Besucher zu schaffen? Vielleicht weil sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen, ihre individuellen Interessen hinten an stellten und eine gemeinsam tragbare Lösung erarbeiteten? Das lässt sich sicher heraus finden.

Jetzt haben unsere Parlamentarier das Wort. Lösungsansätze für die bekannte Verkehrsproblematik gibt es wohl schon einige, jetzt soll in den zuständigen Ausschüssen beraten werden, welche die sinnvollere ist.

Ich persönlich plädiere ja für Nagelketten, Krähenfüße und spanische Reiter auf den Straßen damit zumindest diese hirnlose Raserei ein für allemal aufhört. Bedauerlicherweise sind die seit Alters her bewährten Mittel der Wegsperrung nicht mehr ganz Zeitgemäß. Zumindest würde es zum historischen Ambiente der Altstadt passen 😛