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Was geht‘n Digga?

Büdingen ist schön. Sagen die schon länger hier leben. Büdingen ist liebenswert. Sagen die unsere Stadt in Nah und fern bekannt machen. In Büdingen lebt Kunst, Kultur und Geschichte. Sagen die Kulturschaffenden. Büdingen hat Entwicklungspotential. Sagen Kommunalpolitiker.

Stimmt. Stimmt aber auch nicht. Büdingen ist wie viele andere kleinere und mittlere Kommunen in einer Abwärtsspirale gefangen, deren Auswirkungen für jeden, der mit offenen Augen durch die Stadt geht ersichtlich ist. Gab es früher vielfältiges Kleingewerbe, Handel, Handwerk, gutbürgerliche Gastronomie und mal mehr, mal weniger gemütliche Kneipen dominieren heute andere Betriebe das Stadtbild.

Das „früher“ ist ein Zeitraum von 25 Jahre in denen ich die schleichende Veränderung in der Stadt wahrnehmen konnte. Heute schloss dieses Geschäft, einige Monate später ein anderes, hier hörte ein Ladeninhaber auf, dort wurde eine Filiale geschlossen, manchmal wurde einfach nur das Gebäude verkauft. Der Abzug der US Armee, die für unsere Region ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor war, tat ein Übriges. Darunter litt nicht nur Büdingen, ebenso betroffen waren mit Gelnhausen, Erlensee, Hanau und Friedberg weitere Garnisonsstädte.

Dennoch gab und gibt es einen großen Unterschied zwischen Büdingen und den anderen genannten Städten. Sie nutzten die Chance zur Stadtentwicklung und konvertierten die frei gewordenen Flächen relativ schnell in Wohn- und Gewerbegebiete. In Büdingen passierte genau genommen viel zu lange gar nichts. Außer Stillstand, Streit über das Warum, das Wie und Überhaupt. Erst jetzt, wo es schon fast zu spät ist, besinnen sich die Stadtoberen und lassen das ehemalige Kasernengebiet in ein neues Wohn- und Gewerbegebiet umwandeln. Aber es wäre nicht Büdingen, wenn hier nicht wie üblich um Pfründe gestritten und kleinliche Bedenkenträgerei an erster Stelle stehen würden.

Das sichtbare Zeichen einer kommunalen Fehlentwicklung ist die Zunahme von Betrieben, die eigentlich keiner in einem Übermaß in einer Stadt sehen will. Nichts gegen Gastronomiebetriebe mit Speisen aus aller Herren Länder, hier ist das Angebot in Büdingen mittlerweile sehr reichhaltig wobei es sich in den meisten Betrieben dann doch wieder auf vermeintlich italienische Küche beschränkt; dennoch wäre es sehr Wünschenswert wenn die tatsächlichen Restaurants gegen die unsäglichen Entwicklung hin zu sehr schnellem, sehr billigem Essen stehen würden.

Ja, ich esse gern und ich esse gerne gut und ich bin bereit einen angemessenen Preis dafür zu zahlen. In Büdingen wird das leider immer schwieriger. Um beispielsweise traditionelle deutsche Küche mit mehr als dem obligatorischen Schnitzel mit Beilage genießen zu können muss man sich schon ins Auto setzen und in andere Städte fahren.

Das ist eine schöne Überleitung zu einem weiteren im Argen liegenden Punkt. Früher (ich mag dieses Wort eigentlich nicht, es hat etwas Wehmütiges) gab es so etwas wie eine Kneipenkultur. In Büdingen gab es den Erzählungen der älteren Büdinger nach mal über vierzig Kneipen. Also richtige Kneipen, wo man(n) sich traf, ein, zwei oder mehr Schoppen zu sich nahm, einen Skat kloppte, sich unterhielt. Haben wir nicht mehr. Leider.

Heute haben wir zwar immer noch oder fast wieder genauso viele Gaststätten, nur sehen die im Gegensatz zu früher etwas anders aus. Verklebte Scheiben, eine Tür, ein Tresen, ein Kühlschrank, gesetzlich erlaubte Anzahl Daddelautomaten. Im selben Gebäude, oft sogar im selben nur durch eine billige Rigipswand getrennten Raum und - um den Buchstaben des Gesetzes Genüge zu tun - eigener Eingangstür verklebte Scheiben, ein Tresen, ein Kühlschrank, gesetzlich erlaubte Anzahl Daddelautomaten. Wieder eine verklebte Scheibe weiter eine Tür, ein Tresen, ein Kühlschrank, gesetzlich erlaubte Anzahl Daddelautomaten. Und so weiter und so weiter und so fort. Von dieser Art Gaststätte haben wir nach meiner letzten Zählung allein in Büdingen ohne Ortsteile dreizehn Stück. Die Ironie liegt darin, dass diese Spelunken nicht als Spielbetriebe, sondern - warum auch immer - als Gaststätten konzessioniert wurden und damit bestehende Schutzgesetze einfach umgehen. Tja, wie schon der römische Kaiser Vespasian so treffend anmerkte: Pecunia non olet.

Für Raucher entsteht ebenfalls eine neue Kultur. Der Trend in allen möglichen und unmöglichen Gegenden Raucherlokale für Liebhaber der Wasserpfeife zu eröffnen ist mit der üblichen Verzögerung der großstädtischen Trends nun auch in Büdingen angekommen. Nichts dagegen wenn jemand in aller Ruhe in arabischem Ambiente einen Mokka trinken und bei interessanten Gesprächen gemeinsam mit Freunden eine Wasserpfeife rauchen möchte, doch wäre es sehr schön wenn die Mehrzahl der Läden dort blieben wohin sie passen. In Istanbul, Marrakesch, Tunis oder Kairo. Oder bei uns in einem weit abgelegenen Industriegebiet. Einfach weil diese Betriebe auf Grund ihrer billigst aufgemachten Außengestaltung jegliches ästhetische Empfinden beleidigen.

Ein sich wohltuend abhebendes positives Beispiel ist die "Shisha- Bar" im ehemaligen Joh- Gebäude. Von der Aufmachung sehr ambientig, gefällt sogar mir, doch was bitteschön wurde aus der ehemaligen „Gut Stubb“ gemacht?? Die Umwandlung ist allein auf Grund der Farbgebung des Gebäudes und der Außenwerbung aus dem Selbstbausatz mehr als misslungen. Und verklebte Scheiben sowie die gesetzlich erlaubte Anzahl an Daddelautomaten gibt es zur Abwechslung vom üblichen Einerlei auch dort.

Von dem Etablissement im vormaligen „Fame“ vor dem Untertor nicht zu reden. Hier stößt nicht nur die verschandelte Optik ab, in der Hauptsache erweist sich die negativ auffallende Kundschaft als ein stetiger Quell des Ärgernisses. So etwas wie Höflichkeit, Anstand und Rücksichtnahme auf Andere sind offensichtlich für viele der dort verkehrenden Zeitgenossen unbekannte Begriffe. Früher war es die Anwohner der Gegend um das Schlaghaus am Mühltor die unter massiver Lärmbelästigung durch Besucher der dort untergebrachten Kaschemme litten, sind es seit Schließung derselben jetzt die Anwohner vor dem Untertor, die Gleiches erdulden müssen.

Nur als Beispiel die Walpurgisfeier am Bollwerk vergangenes Wochenende. Unten vor dem Bollwerk Lagerfeuer, viele fröhliche Menschen, zwei Barden mit Leier, oben ein kleiner Vorhautakrobat, der es erst mit sehr vielen lautstarken Anläufen schaffte im "Rosenkränzchen" an der Linde seinen überdimensionierten SUV zu drehen, dann langsam bis Höhe des Bollwerks rollte um dort die Musikanlage seines Pkw voll aufzudrehen. So konnten die Feiernden statt der mittelalterlichen Klänge das radebrechende Gestammel irgend welcher, vermutlich auf Grund des zu vernehmenden Wortschatzes unter Tourette- Syndrom leidender Pseudomusiker vernehmen.

Ein ähnliches Bild bietet sich oft bei Stadtführungen, Proben zu solchen oder einfach nur einem Essen auf der Terrasse des „Stern“. Lautstarkes Palaver der Kundschaft des benachbarten Etablissements vor selbigem in sehr einfacher, alternativ völlig unverständlicher Sprache, aufheulende Motoren, überlaute „Musik“ bereits zuvor geschilderter Qualität, rücksichtsloses Verhalten im Straßenverkehr erfreuen immer wieder wenn man selbst einfach nur einen schönen Abend nach einer anstrengenden Arbeitswoche mit Familie oder Freunden bei einer guten Mahlzeit genießen möchte.

Welche Außenwirkung die genannten Betriebe, die sich bedauerlicherweise selbst in bester Geschäftslage finden, auf Besucher unserer Stadt haben kann sich jeder selbst ausmalen. Wobei ich zu Geschäften der genannten Art ein ganz besondere Ansicht über deren Zielsetzung habe.

Ich halte das diese Entwicklung für sehr bedenklich. Ist ein Ruf einer Stadt erst einmal ruiniert, ist es nur sehr schwer diesen wieder aufzubauen. Daher ist nicht nur „die Stadt“ gefordert, sondern wir selbst, denn wir, die Einwohner sind die Stadt. Wir haben noch eine schöne lebenswerte Stadt. Wir können dafür sorgen, dass es so bleibt. Möglichkeiten und Ansprechpartner die etwas bewirken können gibt es viele.

Um mit der heutigen Sprache zu schließen: Mach mal hin Digga!